Ein Vorurteil ist ein Urteil, das zu schnell und voreilig oder in Unkenntnis einer Sache gefällt wird. Und dem vorausgehend, weil tradierte Bilder den Blick prägen. Besonders häufig sind Vorurteile, weil nicht genügend recherchiert oder nachgedacht wurde. Man ist sich des Irrtums meist auch nicht bewusst. Entschuldigend können die begrenzten Ressourcen des Menschen angeführt werden, da das Menschsein in jeglicher Hinsicht begrenzt ist. Aber dennoch kann und muss besonders von Wissenschaftlern und Philosophen gefordert werden, dass sie ihre Vorurteile kennen und auch bearbeiten. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Vorurteilen und Fragen?
Jeder Wissenschaftler muss wissen, welche Vorannahmen in die Formulierung von wissenschaftlichen Hypothesen, Thesen und Theorien eingehen und die Forschungsarbeit beeinflussen. Die Änderung physikalischer Weltbilder, beispielsweise das geozentrische, aber auch das heliozentrische Weltbild scheinen im hohen Maße von Vorurteilen geprägt zu sein. Denn auch das heliozentrische Weltbild scheint nicht vorurteilsfrei, es wird vom kosmologischen Weltbild abgelöst. "Das kosmologische Prinzip besagt, dass es prinzipiell keinen Ort gibt, der vor einem anderen ausgezeichnet ist, also auch kein Zentrum. Weltbilder, die einen bestimmten Ort im Universum hervorheben, gelten als überholt." (Wikipedia "heliozentrisches Weltbild", 2/26)
Es scheint auch direkt klar zu sein, dass bei fehlerhaften Vorannahmen auch fehlerhafte Ergebnisse zu erwarten sind. Bereits Francis Bacon stellt in Novum Organum 1620 eine Idolenlehre, eine Lehre zur Verhinderung wissenschaftlicher Vorurteile, auf. Er nennt die Idolen falsche Begriffe, die den menschlichen Geist gefangen halten. (vgl. Wikipedia "Novum Organum", 2/26)
Und dennoch ist diese wissenschaftstheoretische Einsicht nicht leicht umzusetzen, da die Vorannahmen oft sehr tief liegen. Sie sind in den aller grundlegendsten menschlichen Denkweisen und Überzeugungen versteckt. Die Psychologie nennt sie psychologische Verzerrungen oder Bias. In der Philosophie sind es nicht nur Wahrnehmungsfehler, sondern grundlegende Missverständnisse und Fehler. Bereits Sokrates war sich dieser Irrtümer bewusst. Die Einsicht 'Ich weiß, dass ich nichts weiß' hat ihm den Ruf des weisesten aller Menschen eingebracht. Sogar das Orakel von Delphi bestätigte seinem Schüler und Freund Chairephon, dass es keinen weiseren Menschen als Sokrates gebe. Das Orakel sagt aus, dass er darum der Weiseste sei, weil er sich stets bewusst sei, dass er nichts wirklich gewiss wissen könne. (vgl. Platon, Apologie, München/Zürich 1991, S. 52ff., 20c ff.) Vielleicht könnte man Sokrates auch den Beinamen geben: der Vorurteilsfreie. Zugleich hat Sokrates zu Lebzeiten sehr viele Fragen gestellt.
Ein weiterer berühmter Vertreter der Theorie der Vermeidung von Vorurteilen ist René Descartes. Für ihn sind Erkenntnisse nur dann akzeptabel, wenn sie clare et distincte gewonnen werden können. (vgl. Descartes, Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, Hamburg 1979, S. 36) Die sicherste Weise für die Erkenntniskraft ist für Descartes der Selbstbezug des Denkenden Subjekts (Ich denke, also bin ich).
Und der stärkste Vertreter gegen die Vorurteile in der Philosophie ist wohl Immanuel Kant. Er fordert die Kritik der Erkenntnis, die Kritik der Reinen Vernunft. Er entwickelt ein sehr kompliziertes Verfahren, um die Erkenntnis von den Vorurteilen der Metaphysik zu befreien. Kant überprüft das Vernunftvermögen des Menschen gründlich und spart auch Vorurteile in den Bereichen Unendlichkeit, Teilbarkeit, Freiheit und Gotteserkenntnis nicht aus. Er nennt sie Antinomien und Paralogismen unter dem Titel der transzendentalen Dialektik. Kant fordert wie andere Aufklärer dazu auf, sich des eigenen Verstandes kritisch zu bedienen.
Damit kommen wir zum zweiten Teil des Artikels und zugleich zum Heilmittel gegen die philosophischen Vorurteile. Es gibt wohl kein probateres Mittel, um Vorurteile aufzudecken, als Fragen zu stellen. Diese Fragen können gegen andere Personen gerichtet sein, sich aber auch auf sich selbst richten. Wenn sich das Fragen auf sich selbst richtet, kann es reflexiv genannt werden. Die reflexive Frage fragt nach den eigenen Bedingungen des Fragens. Und das ist genau die Frage nach den eigenen Vorurteilen. Es fragt: Sind denn deine eigenen Fragevoraussetzungen gerechtfertigt, legitim und begründet? Welche Bedingungen der Möglichkeit liegen hinter deinen Fragestellungen? Das Stellen von Fragen tilgt Vorurteile geradezu.
In der Geschichte der Philosophie gab es immer wieder skeptische, kritische, postmoderne usw. Philosophen, die durchaus Fragen gestellt haben. Aber auch sie benutzten Vorannahmen, um ihre skeptischen, kritischen oder postmodernen Fragen überhaupt formulieren zu können.
Die Wissenschaft muss ganz scharf die Grundlagen beachten, sonst drohen Grundlagenkrisen und Paradigmenwechsel, da sich irrige Annahmen auf Dauer nicht verstecken lassen. Besonders in der Praktischen Philosophie, der Ethik und der Politischen Philosophie muss sehr akribisch auf die Fragevoraussetzungen geachtet werden.
Die Interrogative Ethik ist ein Programm gegen den philosophischen Irrtum, da sie Fragen nach grundlegenden Fragen bzw. Fragestellungen stellt. Für die Vorurteile des Denkens gibt es sehr viele Umschreibungen und Bezeichnungen. Aber dennoch wenden Menschen - auch und gerade Menschen in Verantwortung - ungerechtfertigte Annahmen an und erheben sie in den Stand der Gewissheit. Das Orakel von Delphi würde ihnen bestimmt nicht bescheinigen, weise zu sein.
Der Imperativ gegen das Denken in Vorurteilen muss also lauten: Stelle Fragen!
J.H.
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